Wie tief kannst du fühlen?
Wenn ich frage „Wie viel kannst du fühlen?“, meine ich nicht die Anzahl verschiedener Emotionen – sondern ihre Intensität. Wie viel von einem Gefühl holst du wirklich heraus?
Tiefe gehört allen Gefühlen
Es gibt eine Frage, die ich immer wieder stelle: Wie weit lässt du dich wirklich fallen – in ein Gefühl hinein? Wie schmerzhaft darf es werden, bevor du die Kontrolle übernimmst und zu machst?
Heute möchte ich die Frage in eine andere Richtung lenken. Denn für mich ist klar: Die Intensität, mit der ich einen Schmerz fühlen kann, gilt genauso für Freude, Glück und Dankbarkeit. Das Spektrum ist symmetrisch.
Wenn du also weißt, wie tief Trauer gehen kann – stell dir einen Moment lang vor, wie weit Freude gehen könnte, wenn du ihr denselben Raum gibst. Ein Frühlingsmorgen, Vogelgezwitscher, frische Luft. Wie viel davon lässt du wirklich in dich rein?
Tiefe bedeutet nicht, dass etwas Schlechtes passiert ist.
Tiefe ist Intensität – und Intensität darf bunt sein, vielfältig und zutiefst menschlich.
Emotion: Energie in Bewegung
Das Wort sagt es schon: E-motion – motion, bedeutet Bewegung. Gefühle sind nicht dazu gemacht, festgehalten zu werden. Sie sind wie eine Welle, die durch uns hindurchfließt. Eine Elektrizität, die durch die Nerven zieht und sich Ausdruck sucht.
Was passiert aber, wenn wir ein Gefühl unterdrücken? Wenn wir es nach unten drücken wie ein Korken den Druck in einer Flasche hält?
Es kostet enorm viel Energie. Energie, die uns woanders fehlt. Energie für Lebendigkeit, für Präsenz, für die Schönheit des Moments. Und das Bittere: Wenn du ein Gefühl abdrosselst, drosselst du gleichzeitig auch andere Gefühle. Zum Beispiel lässt du Wut nicht zu und drosselst somit auch deine Fähigkeit tiefe Freude zu empfinden.
Wenn du loslässt – weinst, wenn Trauer da ist, und lachst, wenn Freude da ist – bleibst du in Kontakt mit dir selbst. Fühlen darf fließen. Es muss nichts festgehalten, nichts bewertet, nichts kontrolliert werden.
Das ist Lebendigkeit, das ist Freiheit.
Das innere Kind – mehr als ein Klischee
Ich weiß, die Beschäftigung mit dem inneren Kind mag ausgelutscht sein. Phasenweise kann ich es selbst nicht mehr hören. Dennoch denke ich: Das innere Kind ist einer der kraftvollsten Zugänge zu echter Lebendigkeit.
Viele Menschen verbinden das innere Kind mit Schmerz oder negativen Gefühlen. Weil es irgendwann nicht sein durfte, wie es war. Weil ihm beigebracht wurde, sich anzupassen, zu funktionieren, zu kontrollieren. Und das Kind in uns trägt diesen alten Schmerz leise mit sich.
Als Erwachsene können wir das nachholen. Nicht zwingend mit Kuscheltieren (obwohl, das Nachnähren auch super funktioniert) – sondern indem wir uns selbst sagen: „Hey. Du hast das alles so toll gemacht. Du darfst einfach sein. Weil du bist.“
Ich als erwachsenes Ich halte dich – bedingungslos.
Egal, was war.
Ich bin jetzt für dich da.
Verspieltheit als Superkraft
Schau dir Kinder auf einem Spielplatz an. Sie sind wütend, dann traurig, im nächsten Moment lachen sie wieder und alles ist vergessen. Als erwachsener denkst du vielleicht: Was ist denn jetzt schon wieder anders?
Nichts. Kinder durchleben unvoreingenommen das volle, bunte Feld der Emotionen, ohne sich darin zu verlieren.
Als Erwachsene glauben wir, wir müssten das kontrollieren. Wir müssen funktionieren. Also unterdrücken wir, bis wir kaum noch spüren, wer wir eigentlich sind.
Wenn aber das innere Kind nicht länger mit Schmerz verbunden ist, sondern mit dem, was es wirklich ist – Leichtigkeit, Neugier, Verspieltheit, Staunen – dann öffnet sich etwas. Dann kannst du auf Entdeckungstour gehen. Dann kannst du aus tiefem Herzen lachen. Dann bist du so bunt wie die Natur. Weil du ein natürliches Wesen bist.
Emotionen sind kein Problem, das gelöst werden muss. Sie sind das Leben selbst – in seiner ganzen Fülle, mit all seinen Farben. Je mehr du zulässt, desto mehr bist du.
Wie viel Freude bist du bereit zu fühlen?
